Hear and Now -
Improvisation als musikalischer Ausdruck

"Improvisation wird allgemein als "Aus dem Stegreif"-Spiel verstanden, aber es ist mehr als nur intuitives Reagieren. Vielmehr verstehe ich Improvisation an einem Instrument als individuellen musikalischen Ausdruck. Die Definition von Musik als Sprache, die Menschen weltweit universell verbindet, erlangt dadurch einen weiteren Freiheitsgrad. Jeder Improvisator weiß, dass Improvisation in Musik nicht nur aus dem Improvisationsspiel selbst besteht, sondern auch aus dem Nachdenken darüber. Beides ist für mich wichtig. Improvisation ist schöpferisches Finden im Hier und Jetzt von Musik. Dieses Finden fußt auf Erleben, Erfahren, Denken und Handeln, ebenso wie auf dem Bewusstsein von Material, Struktur und Form in der Musik. Ich nutze das musikalisches Material des Jazz, des Pop und der Klassik, mit welchem ich mich in musikalischer Weise am besten ausdrücken kann. Durch die Erfahrung in Musikgruppen verschiedender Stile gespielt zu haben, habe ich die Möglichkeit entdeckt dieser Sprache eine Struktur zu verleihen, die dem Zuhörer zugänglich ist, auch wenn er kein Instrumentalist bzw. Improvisator ist.

Improvisation in Musik heißt das Unvorhergesehene in Musik zu tun, von innen heraus empfindend, fühlend, reflektierend und handelnd. Daher bedeutet Improvisieren für mich ein Stück meines musikalischen und nicht-musikalischen Seelenlebens preiszugeben. Inspiration, Intuition und konstruktive Phantasie gehen miteinander eine Symbiose ein. Somit ist improvisierte Musik gleichsam das Musikerlebnis aus erster Hand. Ich habe nur mich und mein Instrumentarium zur Verfügung, wobei die künstlerische Qualität meiner Improvisation stets an meinem Kunstsinn, an meine Individualität, meine Kreativität und meine musikalische handwerkliche Fertigkeit und Fähigkeit gebunden ist.

Musikalische Improvisation ist die Eigenheit des musikalischen Menschen, die es ihm ermöglicht, sich als Selbst in Musik intensiv zu erleben. Sie steht somit dem Mit-sich-selbst-übereinstimmen in Musik (Identität und Ich-Sein) und dem Begegnen mit dem jeweils anderen in Musik (Interaktion, Kommunikation) am nächsten. In ihr kann ich meine Individualität in einer Vielfalt zum Ausdruck bringen, wie in sonst keiner anderen Musikform. Die musikalische Entwicklungsgeschichte des Menschen zeigt Improvisation als die älteste Form musikalischer Privatinitiative. Erste Formen menschlichen Singens und instrumentalen Musizierens sind nicht ohne Improvisation vorstellbar, sind an Improvisation gebunden oder durch sie entstanden.

Das Improgramm

Eine Möglichkeit die improvisatorischen Bereiche eines Musikers visuell darzustellen, ist ein Improgramm. Je länger eine Linie vom Mittelpunkt aus ist, desto stärker ist dieser Bereich der Improvisation ausgeprägt. In meinem persönlichen Improgramm ist erkennbar, dass der Bereich "Harmonik" am stärksten ausgeprägt ist. Zusammen mit "Rhythmus" bildet er eine breite Grundlage für mein Stegreif-Spiel. Rhythmische Klangflächen werden ergänzt durch Melodieteile. Zu "sonstigen musikalischen Mitteln" zähle ich chromatische Auf- und Abgänge, also Linien in Halbtonschritten, Triller, Vorschläge oder Auf- und Abgänge in gebrochenen Akkorden. Die "Dynamik" spielt eine etwas größere Rolle, als "sonstige musikalische Mittel", jedoch wird sie nicht als Hauptmittel eingesetzt. Alle im Improgramm gezeichneten Bereiche bilden die Gesamheit des Stücks und können nicht allein existieren. Daher sind sie untereinander verbunden. Zentral bleibt aber auch bei Improvisationen das Zusammenwirken aller in einem Gesamtwerk.

Die augenblickliche musikalische Eingebung und das spontane, nicht vorhersehbare Handeln erfolgen nicht ohne Anlass. Quellen sind die Gegenüber des improvisierenden Musikers: Andere Menschen, Publikum, Zuvor-Gesehenes, Zuvor-Gehörtes, gar Widerfahrenes, zu Reflektierendes. So sind spontane Eingebungen und spontanes Handeln Antworten auf das jeweilige Zuvor. Der Improvisator kann nicht lebensfähig sein in musikalischer Tautologie. Selbst wenn ich die musikalischen Gedanken eines anderen aufnehme oder übernehme, ein musikalisches Thema, ein Motiv, ein rhythmisches Muster oder eine Folge von Akkorden immer werde ich meine eigenen Gedanken, Empfindungen und Assoziationen dagegen setzen, um mich meiner selbst gewiss zu werden und zugleich um die Wahrnehmung der Individualität des Zuhörers aufleuchten zu lassen.

Die spielerische musikalische Existenzform meines Ausdrucks ist nicht nur Expression meiner personalen Existenz, sondern für Mitspieler und Zuhörer ein Medium und Anlass meinem musikalischen Spiel zuzuhören und an ihm teilzunehmen. Meine Spielwelt, immer gebunden an die mir situativ-real umgebene Welt, wird durch die musikalischen Improvisationen existentiell-ästhetisch zu einer Sphäre, in der ich meine Visionen zum Ausdruck bringen kann. Der Zuhörer kann dabei seine eigene Imagination entstehen lassen und teilhaben.

In den Werken der Kunst, also auch der Improvisation, schafft sich der Vorgang eine Sprache. Der Jazz ist hierfür ein Beispiel. Der Wunsch der Amerikaner afrikanischen Ursprungs, sich in Freiheit und Unabhängigkeit verwirklichen zu können, führte zu der Entstehung des Jazz, einer Musik, deren wesentliches Merkmal in einem anderen Gebrauch von Zeit steht und damit zur Geburt des 'swing feeling', dieser anderen Umsetzung von Zeit.

Der heutige Improvisator verfügt über einen schier unermesslichen Fundus an musikalischem Material. Musizieren, ob geplant oder spontan oder eben in 'Mischungen', heißt als Frage an den Improvisierenden nicht, "zeig uns deine Materialsammlung!", sondern, "materialisiere deine Vorstellungen und 'erzähle uns deine Geschichte'"!

Stephan Ziron

Berlin, den 10. Juli 2007

Website zum Solokonzert | hear-and-now.de

 

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